
versus

2018 habe ich meine Ausbildung nach fast 6 Jahren lernen und mehreren Tausend Euro erfolgreich abgeschlossen. Während dessen habe ich mich schon oft gefragt, warum das noch keine Kassenleistung ist. Die Effekte, welche uns gelehrt wurden waren für mich einfach überwältigend und endlich glaubte ich genau das noch fehlende Puzzleteil erlernd zu haben, um besonders chronisch kranken Menschen helfen zu können aus ihrer Jahre-/ Jahrzehnte langen Schmerzspirale herauszukommen. Ich möchte erwähnen, dass ich überaus dankbar bin für die gute Ausbildung, welche ich genossen habe. Auch das anatomische Wissen über die körperlichen Zusammenhänge waren und sind sehr bereichernd für mich und meine Art zu Therapieren.
Jedoch hatte ich mich im Folgejahr mit aufs Rad gesetzt und bin mit den „Therapeuten am Limit“ nach Berlin geradelt, um für bessere Rahmenbedingungen zu demonstrieren. In diesem Zusammenhang bin ich mit einigen in Kontakt gekommen, welche sich mit evidenzbasierter Medizin beschäftigen. Die Frage kam erneut auf: „Warum ist die Osteopathie immer noch keine Kassenleistung?“ Eine Antwort war: „Die Kassen bezahlen nur Dinge, die auch wissenschaftlich haltbar sind. Und dazu gehört die Osteopathie einfach nicht.“ Irgendwie seltsam, dachte ich mir, denn es wurden (bis 2024) auch Homöopathische Leistungen übernommen. Also ging meine Recherche weiter. Als ich erfuhr, dass es über 60 verschiedene Osteopathieschulen allein in Deutschland gibt und sich die osteopathischen Interventionen hierzulande von denen in den USA stark unterscheiden und das Ganze in Großbritannien nochmal anders aussieht, wurde ich schon irgendwie stutzig.
Beim ZIMMT-Kongress, einem Treffen von Ärzt*innen und Therapeut*innen zum Thema Osteopathie, habe ich einen Kurs bei Christian Hartmann besucht. Ich kann sein Buch und seine Kurse über die „Historisch reflektierte Osteopathie“ sehr empfehlen. Denn er zeigt einleuchtend auf, dass das ganzheitliche Denken über die Jahrhunderte sehr unterschiedlich war und ist. Zum Beispiel in der Zeit von Virchow, Ernts von Bergmann und Robert Koch (um 1900 herum) fand man heraus, dass die Zelle für krankhafte Veränderungen verantwortlich ist und konnte sie sogar behandeln. Alles richtete sich strukturbezogen aus und die Schulmedizin verdrängte die psychischen und sozialen Einflussfaktoren. Die Zusammenhänge werden mittlerweile wieder mehr in den Fokus der im Gesundheitswesen tätigen gerückt. Allerdings bezogen auf die osteopathische Ausbildung die ich genossen habe, lernte ich über 800 verschiedene Techniken wie ich selbst in den entlegensten Winkeln des menschlichen Körpers die faszialen Strukturen wieder ins Lot rücken konnte. Und alles basierte darauf, sich anatomisch gut auszukennen. Es wurden 400 Stunden Anatomie im Selbststudium vorrausgesetzt.
Ich als Therapeut oder Osteopath bin also derjenige, der den Patienten wieder gerade biegt.!?
Aber müssen wir wirklich gerade sein, um Schmerzfrei zu sein? Müssen wirklich alle Spannungsphänomene ausbalanciert sein, um beschwerdefrei durchs Leben zu gehen? Und was ist eigentlich mit den Muskeln? Warum wird in der Osteopathie nie von Muskelkrafttests gesprochen, wenn es doch so eine ganzheitliche Methode sein soll? Wie funktioniert das denn mit der Aktivierung der Selbstheilungskräfte? Kann das jemand anderes für einen übernehmen?
Das führt mich zum Fazit:
In meiner Ausbildung wurde darauf hingewiesen, dass spätestens nach der dritten Behandlung eine Veränderung für die Patient*innen spürbar sein soll. Wenn nicht, ist das nicht die geeignete Therapie. Und schaue ich mir im Befund nicht nur die Spannungszeichen an, sondern auch die Muskelkraft und frage nach dem Stresslevel, sowie der sozialen Anbindung, und filtere die Sorgen meiner Patient*innen heraus, dann ist es sehr häufig die Eigenaktivität, die den entscheidenen Unterschied zur Besserung darstellt. Und die Muskeln zu benutzen, sowie das Nervensystem in Schwung zu bringen, kann ich den Patient*innen nicht abnehmen. Ich muss ihnen zeigen, wie sich sich selbst helfen können. Das schließt manuelle Techniken zur Unterstützung nicht aus, jedoch ist es selten das einzige Mittel der Wahl.